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EUROPÄISCHES GARTENNETZWERK – EGHN

Klimaanpassungsplan Kopenhagen

Grünflächen in Städten sind von großem Wert.  Aus der Geschichte haben wir gelernt, welche wichtige Rolle sie für die Gesundheit und bei der Lösung sozialer Probleme spielten, als unsere Städte unter den Auswirkungen der industriellen Revolution litten.  Es war die Zeit der Entstehung sozialer und grüner Bewegungen, die zu treibenden Kräften für den Wandel wurden.  Sie zeigten die Notwendigkeit auf, lebenswerte Städte zu schaffen.  Heute bewundern wir vielerorts die grünen Ergebnisse dieser Bemühungen: Hyde Park in London, Tiergarten in Berlin, Birkenhead Park von Joseph Paxton und der dadurch inspierierte Central Park von Olmstead, der Grüngürtel von Wien und der Bois de Boulogne in Paris, um nur einige von ihnen zu nennen.

Viel ist seitdem geschehen.  Aber die Geschichte zeigt viele Parallelen auf, wenn wir heute andere Herausforderungen identifizieren, wenn wir z.B. postmoderne Städte nachhaltiger gestalten wollen oder müssen.  Diese Herausforderungen haben zwei Perspektiven – die globale und die lokale.  Auf globaler Ebene haben wir die Aussagen führender Politiker in der Erklärung von Rio aus dem Jahr 1992,  das Kyoto – Protokoll aus dem Jahr 1997 und seine Fortschreibung aus dem Jahren 2005 und als Ergebnis der UN-Klimakonferenz – COP 15 – in Kopenhagen 2009.

Auf lokaler Ebene haben Politiker und Planer verstanden, dass globale Probleme auch lokale Maßnahmen bedeuten.  Eine Stadt verstand die neue Agenda sehr schnell: Kopenhagen, die Hauptstadt von Dänemark.

In den Jahren 2010 und 2011 litt die Stadt unter extrem starken Regenfällen.  Der Himmel öffnete sich und Keller, Straßen und Parks in der ganzen Stadt wurden überflutet.  Allerdings war die Verwaltung ein wenig vorbereitet.  Es gab einen neuen Abwasserplan, eine neue Strategie für die Biodiversität und einen Grünen Strukturplan.  Gemeinsam waren sie die Basis des “Climate Adaption Plan”, der im Jahr 2011 angenommen wurde.

Der Plan behandelt einige wichtige Fragen wie

–            Eine Zukunft mit mehr und schwereren Niederschlägen

–            Eine Zukunft mit weltweit steigenden Meeren

–            Eine Zukunft mit wärmerem Wetter

Basierend auf dem aktuellen Forschungsstand und eigener Untersuchungen und Simulationen werden in diesem Plan eine Reihe von Maßnahmen vorgeschlagen, u.a. größere Kanäle für Regenwasser, Lenkung und gezielte Verteilung von Regenwasser, neue Deiche, um die Stadt vor meerseitigen Überschwemmungen zu schützen sowie mehr Grüne Zonen und Blaue Zonen, um dem Anstieg der Temperaturen entgegenzusteuern.

Der Plan betont auch, dass Probleme nicht isoliert behandelt werden können.  Sie sind interdisziplinär und in das städtische Gefüge als Ganzes integriert:  “Wir brauchen Lösungen, die das physische Umfeld der Stadt verbessern und attraktive städtische Räume schaffen.  Klimakompensation kann genutzt werden, um die Lebensqualität für Kopenhagener zu erhöhen.”

Das ist eine wichtige Aussage: vielversprechend, ehrgeizig und sehr anspruchsvoll.

Entsprechend umfassend schlägt der Plan Strategien und Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen vor.  Eine zentrale Aussage ist, dass „ein grünes Kopenhagen besser für das Klima der Zukunft gerüstet ist“ und schlägt dazu drei zentrale Maßnahmenbereiche vor:

1. Erhalt und Pflege bestehender Grünflächen

Kopenhagen hat viele Parks von großem Wert, viele Bereiche, die dem Naturschutz gewidmet sind und viele andere private und öffentliche Grünflächen und Gärten.  Hier müssen Änderungen und Verbesserungen zur Klimaanpassung der Stadt beitragen, die Identität der einzelnen Standorte steigern und so den Kopenhagenern Räume für interessante und wertvolle Erfahrungen und Aktivitäten bieten.

2.  Ergänzung der Stadt um zusätzliche grüne und blaue Flächen

Bäume, grüne Dächer und Fassaden, Wassergärten, unterirdische Speicherbecken, Gärten und vieles mehr können dazu beitragen, die Stadt dem neuen Klima anzupassen und gleichzeitig z.B. Schulen, Behörden, Hinterhöfe, öffentlichen Räume, Straßen oder Nachbarschaften aufzuwerten oder zu revitalisieren.

Ein Handlungsstrang ist das “Programm zur Schaffung von Gründächer”, um deren Beitrag zur Aufnahme von Regenwasser, zur Verringerung der Temperatur, zur Schaffung von Lebensräumen und zur Erhöhung der Funktionalität von Gebäuden und Städten zu nutzen. Solche Maßnahmen wurden in bekannten Projekten wie den „City Dunes“ von SLA Architekten und 8-Haus von BIG Architekten, aber auch in vielen kleinen Projekten umgesetzt.

3. Schaffung kohärenter grüner Netzwerke:

Ein grünes Netzwerk kann aus Bäumen, grünen Dächern und Fassaden, Gärten, Straßenbegleitgrün, grünen Hinterhöfen und vielem mehr bestehen.  Für die Stadt als Ganzes geht es um die Schaffung einer Kohärenz zwischen den grünen Zonen und den blauen Bereichen der Stadt.  Grüne Netzwerke können dazu beitragen, den Kopenhagenern attraktive Verbindungen mit ihrer natürlichen Umgebung zu schaffen, aber eben auch zur lokalen Ableitung von Regenwasser beitragen und das städtische Klima verbessern.

Insgesamt der Plan zielt darauf ab, eine neue Art von städtischer Natur zu generieren, die in Stadt und Natur, Gebäuden und Biologie keine Gegensätze sieht.  Stattdessen soll die städtische Natur ein vitalisierender und einladender Hybrid sein.

Planung bedeutet immer auch die Abstimmung über einen Zeitplan.  Die Konferenz COP 15 fand im Jahr 2009 statt. Die schweren Regenfälle waren 2010 und 2011, der Klimaschutzplan wurde im Jahr 2011 beschlossen und ein erster, darauf basierender Umbau eines urbanen Raums wurde im Jahr 2014 realisiert. Dieses Projekt ist nicht das größte, aber bereits ein ausgezeichneter Ausblick auf die Qualität des neuen Designs öffentlicher Räume.  Viele Experten waren daran beteiligt, u.a. GHB Landschaftsarchitekten.

Dieses erste Projekt „Tåsinge Plads“ liegt im innerstädtischen Stadtteil Osterbro.  Um überflutete Straßen zu verhindern, wurde ein kleiner grüner Platz und ein Stück neuer urbaner Natur realisiert.  Der Platz kann relativ große Mengen an Regenwasser „verarbeiten“ und für die Bewohner einen Platz für nachbarschaftliche Aktivitäten.  Städtisches Leben in Verbindung mit der Natur! Man kann eine Tasse Kaffee genießen und einen kleinen “dänischen Regenwald” entdecken.  Bei der Gestaltung sind Wasser-Funktionen überall präsent: ein Delta-System aus spielerischen Mini-Kanälen, schirmartige Unterstände gegen Regen und Sonne und eine kleine Brücke über den versunkenen Garten.  Untergrundbecken speichern sauberes Regenwasser von umliegenden Dächern.

Tåsinge Plads zeigt, dass Theorien und Strategien in der Realität umgesetzt werden müssen, damit sie verstanden, respektiert und unterstützt werden. Die Lektion ist, dass der Dialog mit den Menschen konkretes Handeln erfordert.  Es ist sehr beeindruckend, die Informationsschilder zum Klimawandel zu sehen.  Der öffentliche Raum wird für die Bildung genutzt, die sozusagen “einen neuen Trend zu deinem Freund“ machen soll.

Neue Projekte sind in der Planungsphase.  Eine davon ist das Ergebnis eines Wettbewerbs im Jahr 2015. Der Siegervorschlag namens „The Soul of Norrebro“ von SLA Landschaftsarchitekten, ist ein integriertes urbanes Design- und Klimaanpassungsprojekt für einen Park und eine Straße.  Das Projekt verbindet urbane Natur, lokale Community und intelligente Retentionslösungen.  Regenwasser wird gesammelt und lokal genutzt, während überschüssiges Wasser aus dem Regenschauer vom Park zu einem See geführt wird und dabei von „städtischen Naturbiotopen“ entlang der Straße gereinigt wird.  Das theoretische Fundament des Projektes ist, dass hydrologische, biologische und soziale Kreisläufe in einer starken Symbiose arbeiten müssen und werden.

Kopenhagen ist eindeutig bestens auf dem Weg, die Umwelt für die Kopenhagener zu verbessern und das ist ein sehr wichtiges Ergebnis.  Aber die Weltgemeinschaft hat auch gesehen, dass Kopenhagen eine führende Rolle bei der Arbeit für die Klimaanpassung einnimmt.  Die Stadt hat bereits viele Auszeichnungen, Preise und lobende Kommentare bekommen. Ihre Arbeit in der ersten Reihe hat den Verantwortlichen viele Kontakte und Möglichkeiten für neue Netzwerke, Kooperationen und Know-how-Transfer gegeben.  Wir alle hoffen, dass Kopenhagen dies in einer aufgeschlossenen und integrativen Weise fortsetzen wird.

In einem bekannten Lied (zumindest unter Dänen) aus den 1960er Jahren besingt der amerikanische Schauspieler Danny Kaye „Wonderful, Wonderful Copenhagen“.  Was nun geschehen ist und weiterhin passiert, hat diesem Ausdruck eine neue Dimension gegeben – über Verantwortung, Nachhaltigkeit und gemeinsame Visionen – und die Verpflichtung, sie wahr zu machen.

(Text von Gunnar Ericson, EGHN Jurymitglied. Laudatio, die während der Preisverleihung gehalten wurde. Abbildung: Atelier Dreiseitel, zur Verfügung gestellt durch die Stadt Kopenhagen)