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EUROPÄISCHES GARTENNETZWERK – EGHN

Peterhof, St. Petersburg

Ich habe in den Vereinigten Staaten in den späten 1960er Jahren Gartengeschichte studiert. Daher ist es kaum überraschend, dass niemals etwas über russische Parks auf dem Lehrplan stand.

Mit Ausnahme der Gärten in England, Frankreich und Italien lernten wir sehr wenig über die europäischen Gärten, was wegen ihres Einflusses und ihrer Bedeutung sehr schade ist. In unserem wichtigsten Buch über die Gartengeschichte gab einen kurzen Absatz über Peterhof und ein Schwarz-Weiß-Foto des langen Kanals – noch dazu ein ziemlich schlechtes Foto.  Es war nicht so, dass Peterhof unbekannt war, aber es gab einen Mangel an Informationen und so wurden viele Parks und Gärten völlig ignoriert.  Marie Luise Gothein schrieb in ihrer Geschichte der Gartenkunst (1913/1928 ) „ … es entstanden nicht nur die Paläste der Zaren und des Adels, sondern auch Gärten. … Der Zar hatte die frühen Beispiele kennen und schätzen gelernt, die er auf seinen Reisen nach Holland, England und Deutschland studiert hatte … Hier haben er und seine Anhänger alle Ideen aufgenommen, die der Stil der Zeit zu geben hatte.“ Ein Jahrhundert bevor Gothein ihr Buch geschrieben hat, besuchte John Claudius Loudon Sankt Petersburg (1813-1814); er gibt eine beschreibende Darstellung der Gärten in seiner Encyclopedia der Gärten (1836) und fügt hinzu , dass „… in Petersburg alle öffentlichen Arbeiten mit solcher Pracht ausgeführt sind, dass alle Fremden sehr erstaunt sind“.  Ich glaube, dass der Mangel an Informationen und Wissen aus meiner Studentenzeit mehr mit Ignoranz, der damaligen Tagespolitik und dem Kalte Krieg zu tun hatte als mit einem Mangel an Interesse.

Unsere historischen Gärten sind eine Abfolge von Schichten, ein Palimpsest, die sukzessive Generationen je nach Geschmack, Mode und Wirtschaft verändern. So sind die Gärten, die Loudon gesehen hat, nicht die Gärten , die man heute sieht, noch sind es die Gärten mit denen Peter der Große vertraut war. In den frühen 1700er Jahren begann die Entwicklung des Palastes und der Gärten unter Peter dem Großen bescheidener, mit einem kleinen Palast und nur wenigen der Brunnen, die man heute sieht, existierten bereits zu seiner Zeit.  Der Obere Garten wurde für Gemüseanbau und die Teiche für die Fischzucht verwendet.  Der Entwurf für einen neuen Palast und Garten von Jean-Baptiste Le Blond, war verglichen mit den europäischen Standards der damaligen Zeit noch bescheiden und wurde erst 1745-55 von Elisabeth von Russland erweitert.  Peters Palast und Gärten, jetzt erweitert und mit zahlreichem Schmuckwerk versehen, wurde auch unter den folgenden Monarchen stets verändert und wurde dann als das Versailles Russlands bekannt.

Zwar gibt es diesem ständigen Vergleich zu Versailles, aber aus meiner Sicht ist dies unfair. Peterhof ist sicherlich kleiner, aber in vielerlei Hinsicht reicher in seinen Details und ohne Zweifel ist die Annäherung von der Meerseite herrlich und unvergleichlich.  Es gibt keinen anderen Garten, nirgendwo, der seine Besucher derart mit Hunderten von Brunnen und vergoldeten Statuen überwältigt.  Ich finde, dass Peterhof auch im Maßstab humaner ist als Versailles und dies muss ein Ergebnis von Peters Zeit in Holland sein. Gothein liegt absolut richtig, wenn sie die Einflüsse aus Holland, England und Deutschland konstatiert.  Merkwürdig ist, dass sie den Einfluss der italienischen Renaissance völlig auslässt, insbesondere den Bezug zum See oder Meer, der ein Markenzeichen und klassisches Merkmal der italienischen Villa und ihres Gartens ist.  Es gibt ein anderes großes „italienisches Erbe“, nämlich die Verwendung der überraschenden, scherzhaften Wasserspiele. Hier sind die Gärten weit spielerischer als die französischen. Volle Hochachtung verdient zudem die Tatsache, dass alle Wasserspiele auch nach ihrer Restaurierung nur von der Schwerkraft angetrieben werden, ohne jegliche elektrische Pumpen.

Gartenrestaurierung scheint auf den ersten Blick eine einfache Aufgabe zu sein: einfach das wiederherstellen, was einmal da war.  In Wahrheit ist dieser Prozess alles andere als einfach, denn die multiplen Entwurfsschichten und die Einführung neuer Elemente und Pflanzen stellen jeden Restaurator oder Konservator vor eine Reihe schwieriger Fragen. Was behalten wir, was lassen wir verschwinden, was fügen wir hinzu und wie gehen wir mit Tausenden von Besuchern um?  Manchmal hat die Natur selber Bereiche in Besitz genommen und damit die ursprüngliche Absicht verändert oder zerstört, aber meistens sind es die Aktionen der Menschen, die den größten Wandel gebracht haben.  Zudem hat Peterhof während der Belagerung von Leningrad die dramatischsten Veränderungen erlitten, als Palast und Gärten fast völlig zerstört wurden.  Es gibt nie absolute Antworten, denn es müssen nicht nur die historischen Relikte und Quellen berücksichtigt werden, die vielerorts fehlen, sondern auch Fragen der Wirtschaftlichkeit, der Wartung, der aktuellen Fertigkeiten, der angemessenen Materialien und der Ansprüche der Besucher berücksichtigt werden.

Der Klimawandel kann die Wahl der Pflanzen beeinflussen, wenn die ursprünglichen Arten nicht mehr geeignet oder nicht mehr verfügbar sind. Leider sind historische Gärten zudem berüchtigt dafür, dass es kaum detaillierte Informationen über die Pflanzen, ihre Arrangements, Mischung und Pflanzabstände gibt. Viele der Pflanzenarten, die wir durch weite Teile Europas kennen und nutzen, können den harten Winter nicht überleben, was zu einem kreativen Umgang mit einer begrenzten Auswahl an Arten führt.  Dies führte auch zu speziellen Sammlungen, die in den Wintermonaten in Gewächshäusern, Orangerien untergebracht wurden, die damit ein integraler Bestandteil des Gartens wurden. Gärtnern in einem kalten Klima ist nicht ohne Herausforderungen! Ich glaube, dass gerade die Pflanzen eine der größten Herausforderungen für einen Konservator ist, wenn eine ausgewogene Lösung gefunden werden muss, die ein Bild oder eine Situation präsentieren kann, wie sie für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort angemessen ist, aber zugleich auch auf andere Themen, wie den Pflegeaufwand, Rücksicht nehmen muss.  Was auch immer getan wird, es muss dem Konzept des Gartens entsprechen.

Peterhof ist ein Garten mit Alleen, Zierbeeten, Kaskaden, Kanälen, vergoldeten Statuen, Pflanzensammlungen, Orangerie und bezaubernden Villen: Montplaisir, die Eremitage und Marley.  Intimere Räume aber auch größere Strukturen werden durch den Palast dominiert; wenn man aber in den Gärten ist, verschwindet der Palast irgendwie aus dem Fokus, so als ob der Garten der wichtigere Teil des Ganzen ist. Es ist ein Garten der Kontraste: optisch und physisch atemberaubend, aber mit einem intimen Charme und Humor. Es gibt immer Momente der Überraschung, wie sie sie alle großen Gärten haben sollten.  Es ist eine noch größere Überraschung, wenn man merkt, wie der Garten das Leben verändert. Man kann es in den Gesichtern und im Verhalten der Besucher sehen, wie sehr der Garten von allen Altersgruppen genossen wird.  Peterhof wurde durch eine sensible Restaurierung und Erhaltung wiedergeboren; es ist keine Kopie der früheren Gärten, sondern ein Garten der von sich heraus zu Recht einzigartig ist. Und heute, während diese Gärten weiterhin restauriert werden, erfüllen sie noch alle mit dem gleichen Erstaunen wie Loudon vor zwei Jahrhunderten.  Peterhof ist weit mehr als ein restaurierter Garten – es ist es ein Ort des Stolzes und der nationalen Identität.  Es ist eindeutig ein russischer Garten des 18. und 19. Jahrhunderts, der als großartiger Garten des 21. Jahrhunderts wiedergeboren wurde.

Website: Peterhof Museum-Reserve

(Text von Ed Bennis, EGHN Jurymitglied; als Laudatio während der Preisverleihung gehalten. Foto: Peterhof Museum-Reserve)