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EUROPÄISCHES GARTENNETZWERK – EGHN

Skulpturengarten Wilfried Hagebölling

Der erste Blick: am Ende eines breiten, von Gras und Moosen überwachsenen Weges mächtige Eichen, flankiert von niedrigeren Gehölzen, dahinter, je nach Lichteinfall blau, grau oder silbern schimmernd ein weiter See, davor eine tonnenschwere Stahlskulptur, in deren zum Betrachter spitz zulaufende Keilform ein schmaler Gang schräg eingeschnitten ist.

In diesem ersten Blick ist der Garten bereits wie zusammengefasst. „Anders“ wirkt er, und doch wie immer schon da. Gehölzgruppen aus heimischen Bäumen und Sträuchern neben prachtvollen alten, wie seit je dastehenden Bäumen säumen und gliedern das weitläufige Areal. Große, teils begehbare Skulpturen – wie diese, deren schräg hoch laufender, dunkler Gang in den Stämmen der Eiche seine Verlängerung zu finden scheint und den Blick in die ganz eigene, geheimnisvolle Welt ihrer knorrig ausladenden Krone zieht – machen die Konfrontation zwischen Kunst und Natur stark und unausweichlich. Und doch wird dieser Garten als ein wunderbares Ganzes erlebt: Natur und Skulpturen steigern sich hier nicht nur wechselseitig, sie gehen eine Symbiose ein, die ihn zu einem magischen Ort werden lässt.

Der Skulpturengarten des Künstlers Wilfried Hagebölling liegt am Ortsrand von Paderborn, in der Senne – einem heidigen Landschaftsraum am Südhang des Teutoburger Waldes – inmitten eines ausgedehnten Natur-/Landschaftsschutzgebietes, das in unmittelbarer Nachbarschaft aus kleinen Waldstücken, einem See und weiten, sandigen Offenlandbereichen mit Dünen und flachen Kleingewässern besteht.

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Hagebölling ist bekannt vor allem durch seine großen Stahlplastiken im öffentlichen, und das heißt, im urbanen, zumeist architektonisch bestimmten Raum. Hier kann man einer Vielzahl seiner Arbeiten in einem völlig anderen Umfeld begegnen, einem landschaftlich geprägten Naturraum, seinem eigenen, eigens für seine Skulpturen – und mehr noch durch sie – geschaffenen Garten.

ETFG_bl_hageboelling_2Auf dem von alten Bäumen und Sträuchern gesäumten weitläufigen Areal einer ehemaligen Altensenner Hofstelle, die – 1672 bereits urkundlich erwähnt – zu den ältesten Bauernhöfen der Senne zählte, hat der Bildhauer im Jahr 2001 begonnen, seinen Skulpturengarten anzulegen. Die mächtigen, über 300 Jahre alten Eichen weisen noch zurück in jene Zeit der Besiedlung und Urbarmachung der Senne nach dem 30-jährigen Krieg.

Hagebölling gestaltete das seit längerer Zeit ungenutzte, verwilderte Gelände, zu dem inzwischen auch ein kleines „Wäldchen“ gehört, nach seinen Vorstellungen großzügig neu. Mit lediglich zwei breiten, verdichteten Wegen, Bodenmodulationen, weiten Rasenflächen und einer zusätzlichen Bepflanzung mit heimischen Gehölzen gliederte er den Raum in großflächige und intimere Zonen. Bewusst verzichtete er auf strenge Wegführungen, jegliche Ordnung nach architektonischen Prinzipien, auf besondere Farbenpracht, auf Blumen. Sämtliche Eingriffe waren darauf ausgerichtet, unterschiedliche Räume auszubilden, dabei aber den Garten so naturnah wie möglich anzulegen, nicht zuletzt, damit er sich in seine Umgebung, in die er immer wieder Ausblicke freigibt, wie selbstverständlich einfügt.

ETFG_bl_hageboelling_3Der Garten gibt dem Betrachter nichts vor. Er erschließt sich ihm nicht entlang eines Wegeplans, sondern lässt sich im zwanglosen Gehen, Verweilen, Weitergehen und Zurückschauen nach und nach entdecken. „Ziele“, wenn man so will, die den Besucher anziehen und dann auch weiterziehen, sind die Skulpturen. Denn das Besondere des Gartens, was ihn ausmacht, ist die „zweite Kultivierung“ des Areals – nach der Fruchtbarmachung der Senne – durch Kunst.

ETFG_bl_hageboelling_4Begehbare Stahlskulpturen – schön im Kontrast von großen, klaren, flächigen Formen zu unüberschaubaren Laubmassen oder vielgestaltigem Astwerk, schön auch im Farbkontrast von unterschiedlichstem Grün und Rostrot-Orange-Braun – locken den Betrachter in ihre Innenräume, schirmen ihn hier von der Umgebung ab und zeigen ihm nichts als Himmel und die Wipfel entfernter Bäume oder in ihren Eingängen und Ausgängen immer neue Ausschnitte des Gartens. Schwere Stahltafeln schieben sich zwischen Baumgruppen und schaffen neue, ganz andere Räume. Der gesamte Garten ist durchsetzt von Skulpturen, die ihn wieder und wieder strukturieren. Ein Netz aus Blickachsen, Sichtpunkten und Richtungen verknüpft die Skulpturen untereinander wie auch mit ihrer Umgebung. Perspektiven laufen in die freie Landschaft oder auf den angrenzenden See hinaus, verlieren sich im Schatten des Wäldchens oder kommen auf Lichtungen zur Ruhe. Richtungen verdichten sich im Innern der Skulpturen, die im Begehen zu Orten der Selbsterfahrung, zu Zufluchtsorten des Beisichseins werden.

Auf seiner Entdeckungstour wird der Besucher immer wieder überrascht von verborgen stehenden Arbeiten, auch aus Stein oder Beton, auf einer Lichtung oder einem abgelegenen Platz. Mit hellwachen Sinnen, geschärft schon durch eine Vielzahl an Eindrücken, wird er aber auch empfänglich für Unscheinbares, für leuchtende Teppiche aus Scharbockskraut, entzückende Moose und Flechten auf Steinskulpturen, das frische Farngrün im flimmernden Licht des Wäldchens. Alle Räume des Gartens werden mit der Zeit immer reicher, in ihrer besonderen Atmosphäre sinnlich erlebbar und ziehen den Besucher in ihren Bann.

Es ist ein alter Traum, Natur und Kunst miteinander zu verbinden. In seinem Skulpturengarten realisiert Wilfried Hagebölling diesen Traum, und inzwischen ist hier ein Stück Natur mit Kunst zu einer Einheit zusammengewachsen. Im Umhergehen und Verweilen empfindet der Betrachter mehr und mehr, wie untrennbar die Skulpturen zu diesem Garten gehören, dass sie ihn nicht nur prägen, sondern dass natürliche Umgebung und Skulpturen, Natur und Kunst, hier etwas ganz Neues, Eigenes werden, – ein magischer Ort, geheimnisvoll und offen zugleich.

Wilfried Hagebölling:
„Gärten sind Orte der Sehnsucht nach dem tiefen Anfang, Rekonstruktionen verlorener Paradiese. In einem Skulpturengarten sind Skulpturen sesshaft geworden, wie Bäume, sie haben ihren Ort nicht nur gefunden, sie schaffen ihn, auf der Erde – dem Himmel gegenüber.“

In diesem Statement von 2002 ist die Idee, die dem Garten zugrunde liegt, bereits formuliert. Es ging dem Bildhauer nicht darum, nur ein Ausstellungsgelände für seine Skulpturen anzulegen. Der Garten – die Bäume, die Sträucher, das Grün – sollte nicht „Sockel“ für die Skulpturen sein, auf dem sie sich präsentieren, oder den schönen, harmonischen Rahmen bilden, innerhalb dessen sie den Platz finden, der sie voll zur Geltung kommen lässt. Umgekehrt natürlich sollten die Skulpturen auch nicht zur „Dekoration“ des Gartens herabgesetzt werden, beides sollte für sich wahrgenommen werden und dennoch als Einheit.

Dieser Garten mit den Skulpturen ist keine Idylle, er täuscht keine vordergründige Harmonie von Skulpturen und Umgebung vor, im Gegenteil: hier die organische, gewachsene und wachsende Natur, da die konstruierten, scharf geschnittenen, präzise geformten stählernen Artefakte.

Jede einzelne Skulptur kann für sich gesehen und erfahren werden. Sie sensibilisiert die Sinne – auch – für ihre natürliche Umgebung, vereinnahmt diese jedoch nicht. Ebenso können die alten Bäume für sich bewundert, der Ausblick auf den ruhigen See genossen werden. Im Weitergehen aber, mit jeder weiteren Skulptur, die umgangen, begangen und im Inneren nicht nur visuell, sondern vor allem körperlich erfahren wird, mit jedem neuen Eindruck nimmt die Konzentration zu, und buchstäblich Schritt für Schritt intensivieren sich Wahrnehmung und Empfindung. Schließlich wird nichts mehr „für sich“ gesehen, sondern der gesamte Garten als ein einziger kontemplativer, kraftvoller Raum erlebt.

Wenn Gärten „Orte der Sehnsucht nach dem tiefen Anfang“ sind, so kann man hier vielleicht einen solchen Ort des Anfangs erleben. Es ist ein Ort, an dem das, was ist, wahrgenommen werden kann, wie es ist: ohne Zweck, ohne Bestimmung, ohne Bedeutung außerhalb seiner selbst. Ein Ort, an dem wir im Gehen, Sehen, vor den Skulpturen, in ihren Innenräumen, unter Bäumen und unter dem Himmel nicht nur Skulpturen und Natur, sondern auch uns selbst erfahren.

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Adresse (keine Postanschrift):
Skulpturengarten Wilfried Hagebölling
Bielefelder Straße 120 (B 68)
33104 Paderborn
Tel.: 05251-25255
Email: info@wilfriedhageboelling.de
Website: www.wilfriedhageboelling.de

Eigentümer: Privat. Wilfried Hagebölling

Preise: Eintritt frei

Öffnungszeiten:
Mai bis Oktober an jedem 1. Sonntag im Monat von 15.00 bis 18.00 Uhr;
am 2. Wochenende im Juni, zum „Tag der Gärten und Parks“,
Samstag 14.00 bis 18.00 Uhr,
Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr,
und nach Vereinbarung.
Kontakt: Monika Hoffmann, Tel. 05251-25255.

Führungen:
Führungen zu Veranstaltungen, z. B. am „Tag der Gärten und Parks“;
Gruppenführungen auf Anfrage, Tel. 05251-25255.

Führung für Blinde und Sehbehinderte: 5. Juli 2015, 11.00 Uhr. (Maßstabsgerechte Modelle von großen, begehbaren Skulpturen können dazu beitragen, die Form durch Ertasten zu verstehen.)

Kulturprogramm: Sporadisch, z. B. Konzerte. Termine werden in der Presse und auf der Website bekannt gegeben.

Touristische Informationen:

Shop: Nein. Zu den Öffnungszeiten Infostand mit Büchern, Katalogen und Postkarten.
WC: Ja.
Parken: Kein eigener Parkplatz, öffentliche Parkmöglichkeit in unmittelbarer Nähe des Gartens.
Bänke im Park: Ja.
Durchschnittliche Aufenthaltsdauer: 60 Minuten.
Barrierefreier Zugang: Die Hauptwege sind für Menschen mit Mobilitätsbehinderung zugänglich.
Hunde: Das Mitführen von Hunden ist erlaubt.

Anfahrt:
Mit dem Auto: A 33, Ausfahrt Paderborn-Sennelager, ca. 100 m Richtung Sennelager, Bielefelder Str. (B 68), Höhe „Forellenhof“ links
Mit dem Bus: Ab Hauptbahnhof Paderborn Padersprinter Linie 1 bis Endstation oder BBH Linie 346 bis Haltestelle Pater-Ewald-Straße, dann wenige Minuten Fußweg ortsauswärts.